Im Reich der Königin – Was mir ein Seminar über Bienen und das Leben lehrte
Heute habe ich das Königinnenzucht-Seminar an der Imkerschule abgeschlossen. Ich sitze noch mit dem Duft von Bienenwachs in der Kleidung hier und versuche, das Erlebte in Worte zu fassen. Es ist schwieriger als gedacht – denn was ich mitgenommen habe, geht weit über Notizen und Handgriffe hinaus.
Aber der Reihe nach.
Genetik im Bienenstock – komplizierter als gedacht
Der Kurs begann mit Grundlagen, die mich ehrlich gesagt überraschten – nicht weil sie schwer verständlich waren, sondern weil sie so wunderbar seltsam sind. Bienen funktionieren genetisch völlig anders als wir Menschen es gewohnt sind.
Die Königin paart sich auf dem Hochzeitsflug mit mehreren Drohnen – und das hat eine faszinierende Konsequenz: Die Arbeiterinnen in einem Volk sind zwar alle Töchter der Königin, aber sie stammen von verschiedenen Vätern. Das bedeutet, sie haben nicht alle dieselbe DNA. Im Stock leben also viele genetische „Familien" nebeneinander, alle unter dem Dach eines Volkes vereint.
Für die Züchtung ist das entscheidend. Wenn ich eine Königin aus einer sanftmütigen Mutterlinie ziehe, heißt das noch nicht, dass alle Töchtervölker sanftmütig werden. Der Genotyp – also die genetische Anlage – und der Phänotyp – also das, was sich am Tier tatsächlich zeigt – können auseinanderfallen. Erst in den Nachkommen offenbart sich, welche Eigenschaften sich wirklich durchsetzen. Das macht Bienenzucht zu einem geduldigen, langfristigen Handwerk.
Was züchten? Die Zuchtziele
Einen breiten Raum nahmen die verschiedenen Zuchtziele ein. Ich liste sie hier kurz auf, nicht ohne einen persönlichen Kommentar hinzuzufügen:
Sanftmut – Das Maß dafür, wie friedlich ein Volk am Bienenstand reagiert. Für mich das wichtigste Ziel überhaupt. Ich möchte Imkern, ohne Schutzanzug als Rüstung zu brauchen.
Honigeintrag – Die Fähigkeit eines Volkes, möglichst viel Nektar einzutragen und zu Honig zu verarbeiten. Ein klassisches Zuchtziel in der gewerblichen Imkerei – für mich persönlich zweitrangig.
Wabensitz – Wie ruhig bleiben die Bienen auf der Wabe, wenn man sie herausnimmt und in die Hand nimmt? Ein hektisches Volk, das sofort von der Wabe läuft, ist schwieriger zu arbeiten. Ruhiger Wabensitz macht die Inspektion für Mensch und Tier angenehmer.
Schwarmstimmung – Oder besser: wie wenig davon. Völker mit geringer Schwarmlust sind einfacher zu halten und verlieren weniger Bienen. Ein wichtiges Zuchtziel, gerade für Hobbyimker ohne tägliche Kontrollmöglichkeit.
Recapping – Das war neu für mich und ich fand es sofort faszinierend. Gemeint ist das Verhalten mancher Bienen, verdeckelte Brutzellen zu öffnen, die befallene oder tote Puppen enthalten – und diese dann zu entfernen. Es ist ein Aspekt von hygienischem Verhalten, der zur natürlichen Varroatoleranz beitragen kann. Völker, die stark recappen, können Varroa-Befall aktiv eindämmen. Ich hatte diesen Begriff vorher noch nie gehört und war begeistert, dass die Bienen sich hier selbst helfen können.
Meine bescheidenen Ziele
Ich muss hier ehrlich sein: Ich möchte keine Hochleistungsmaschinen züchten. Kein Rekord-Honigeintrag, keine Ausstellungsköniginnen. Was ich möchte, sind Völker, mit denen ich gerne Zeit verbringe. Sanftmütige, handliche Bienen, die am Stand ruhig bleiben und mir das Imkern zu einem entspannten Erlebnis machen.
Sanftmut als Zuchtziel klingt simpel – ist es aber nicht. Es erfordert Konsequenz über mehrere Generationen, sorgfältige Beobachtung und den Mut, Völker aufzugeben oder umzubehandeln, die dem Bild nicht entsprechen. Aber es ist ein Ziel, das ich guten Gewissens verfolgen kann, für mich und für die Bienen.
Die Praxis: Schritt für Schritt zur neuen Königin
Der zweite große Teil des Seminars war praktisch und handwerklich. Wir gingen die einzelnen Schritte der Königinnenzucht durch:
Pflegevölker aufbauen – Ein starkes, weisellos gemachtes Volk, das bereit ist, Weiselzellen zu pflegen. Es braucht viele junge Ammenbienen und ausreichend Futter, damit die Pflege intensiv und zuverlässig läuft.
Umlarven – Das feinste Handwerk im ganzen Prozess. Mit einem kleinen Holz- oder Kunststoffspatels werden winzige Larven – nicht älter als 12 bis 24 Stunden – aus Zellen entnommen und in Zuchtschälchen übertragen. Beim ersten Versuch zitterte meine Hand. Die Larven sind kaum sichtbar. Aber genau darin liegt der Zauber: Diese winzige, kaum wahrnehmbare Geste kann der Beginn einer Königin sein.
Weiselzellen käfigen – Kurz bevor die Zellen schlüpfen, werden sie in kleine Schutzkäfige gesetzt, damit die junge Königin nicht sofort von ihren Schwestern gestochen wird. Timing ist hier alles.
Begattungskästen füllen – Kleine Völkchen werden in spezielle Begattungskästen einlogiert. Sie bestehen aus wenigen Waben, ein paar hundert Bienen und einer Zelle oder einer jungen, unbegatteten Königin. Hier findet der Hochzeitsflug statt – draußen, in der freien Natur, auf eigene Rechnung der jungen Königin.
Kontrolle und Einweiseln – Hat die Königin ihren Hochzeitsflug erfolgreich absolviert und legt sie regelmäßig Eier, kann sie in ein Produktionsvolk eingeweiselt werden. Auch das will gelernt sein: Eine fremde Königin wird vom Volk zunächst als Eindringling wahrgenommen. Sanftes, geduldiges Einweiseln mit Candy-Käfig gibt dem Volk Zeit, sich an den neuen Geruch zu gewöhnen.
Was bleibt
Am Ende dieses Tages bin ich müde, aber auf eine gute Art. Diese Erschöpfung, die man fühlt, wenn man wirklich aufmerksam war. Wenn man zugehört, mitgemacht und nachgedacht hat.
Ich nehme nicht nur Wissen mit nach Hause. Ich nehme eine neue Ehrfurcht mit. Vor der Komplexität eines Bienenvolkes, das genetisch vielfältiger ist als ich dachte. Vor der Geduld, die echte Zucht erfordert. Und vor dieser kleinen Larve, die mit etwas Gelee royale und menschlichem Geschick zu etwas Außergewöhnlichem werden kann.
Meine Ziele sind bescheiden. Meine Freude daran ist es nicht.
Geschrieben am 6. Juni 2026, mit Wachsresten an den Händen.
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